Jahresbericht 2012

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Verein Kernreaktor Jahresbericht 2012

1 Vorwort

Liebe LeserInnen

2012 wird als ereignisreiches Jahr in die Geschichte eingehen. Unbeholfener Kreuzfahrtschiffskapitän liess sein Schiff auf Grund laufen, in Sturmhauben eingekleidete feministische Punkrock-Band wird in Moskauer Kathedrale verhaftet, der letzte unbekannte Bestandteil der Teilchenphysik, das Hicks Boson, wird am CERN im Teilchenbeschleuniger nachgewiesen und wiedereinmal ist ein ferngesteuertes Fahrzeug, diesmal mit dem Namen „Curiosity„ erfolgreich auf der Marsoberfläche abgesetzt worden. Doch auch wiederkehrende Ereignisse von den Vorjahren beschäftigten uns stark. Der arabische Frühling dauert an und die UBS zockte auch in diesem Jahr weiter, diesmal in der Form von einem Londoner Banker, der 2.3 Milliarden Dollar im Investment Banking verspekulierte.

Der Verein Kernreaktor setzte in diesem Jahr einen neuen Schwerpunkt im Bereich Freiraumterrorismus. Er setzt sich ein, dass der öffentliche Raum nicht zu einem Aneinandervorbei verkommt, sondern wieder ein Ort wird, der für alle offen steht. Dazu fanden Anschläge in Zusammenarbeit zum Beispiel mit der Autorin Nora Zukker oder mit dem Atelier für Sonderaufgaben statt. Mehr dazu unter der Rubrik Freiraumterrorismus.

Zu unserem erfreuen feierte dieses Jahr unser Format Radiologisch auf dem Radiosender Lora das zweijährige Bestehen. Die Radiomacher sind noch lange nicht müde und werden euch, liebe Zuhörer, auch im nächsten Jahr zu auserlesenen Themen beschallen.

[mam]

2 Freiraumterrorismus

Der öffentliche Raum hat sich verändert. Es ist kein Zusammen. Es ist auch kein Gegeneinander. Es ist viel mehr ein Aneinandervorbei. Wir möchten den Raum zurück. Wir möchten, dass der öffentliche Raum wieder ein offener Raum für alle wird. Deshalb kämpfen wir mit subversiven Methoden und bringen die Bomben, Künstlerinnen und Kulturschaffende mit ihren Ideen, direkt zu euch in den öffentlichen Raum. Wir fordern den Raum nicht dort, wo er uns zugestanden wird. Wir fordern ihn dort, wo er fehlt. In Oerlikon, Alstetten, Seebach usw. Anstatt Grünflächen und lachende Gesichter trifft man dort nur Betonwüsten und karges, stilles, lebloses Elend an! Das kann nicht sein, darum greifen wir zur letzten Waffe: Freiraumterrorismus!

2.1 Atelier für Sonderaufgaben / Anschlag vom 13.5.12

„Postmysteriöse Reflexionstour“ nennen Frank und Patrik Riklin die Auseinandersetzung mit ihrer Arbeit im Kunstbereich. Das Atelier für Sonderaufgaben lässt den Tiger aus dem Käfig und stellt sich der Diskussion um die Bedeutung von Kunst mitten im Leben. Gastgeber am 13. Mai der Kernreaktor, am Fusse der Hardauer Hochhäuser die Kulisse. Wer braucht schon multimodale Projektionssysteme und LumEnActive, wenn uns Herr Hardau seinen Balkon als Projektionsfläche zur Verfügung stellt? Die Riklins inszenieren sich selber, geben den Anwesenden dann aber Freiraum für eigene Gedanken und stellen sich den kritischen Fragen im Dialog.

2.2 Nora Zukker / Anschlag vom 13.6.12

Sonntagnachmittag im Juni, MFO Park in Neu-Oerlikon. Nora Zukker liest ihren Heiditext, verstärkt und erhöht auf dem bepflanzten Metallgerüst. Die anwesenden Leute werden unfreiwillig zu Zuhörern, einige fliehen empört, andere täuschen vor, nichts von Heidi, Klara und roten Lippen zu hören, neugierig sind vor allem Murat, Murat und Serkan. Die Lesung dauert einige Minuten, das Gespräch mit den Jungs viel länger. Schlagfertig und auf eine uns imponierende Art und Weise stellen sie Fragen, geben gleich selber Antworten, und sie verstehen.

Der zweite Versuch, einen von Noras Texten zu parkieren scheitert im Oerliker Park am Exekutivorgan im weissen Wagen mit den orange leuchtenden Streifen. Die feiertägliche Ruhe scheint Herr und Frau Oerlikon unentbehrlich zu sein, nichts einfacher als die Kombination aus dem Griff zum Hörer und einer dreistelligen Nummer. Die beiden Polizisten im Sonntagsdienst beenden die Sache freundlicherweise mit nur einer Verwarnung, wir sind ja weder politisch noch religiös motiviert. Dafür aber emotional überwältigt.

Die Idee „Kunst und Kultur im öffentlichen Raum“ ist nicht neu. Wissen wir. Und die Idee mit Kunst in der Gesellschaft etwas bewegen zu wollen auch nicht. Wissen wir ebenfalls. Und trotzdem schlagen wir zu. Wir sind keine Künstler, wir sind ein Behälter. Unangekündigt, wenn der Sonntag vor sich hin lümmelt und es in der Öffentlichkeit menschelt, stellen wir uns auf, geben Raum für Inhalte und lassen Menschen Teil davon werden. Wie schon erwähnt, Murat hats verstanden: „Ah, ihr wänd Mänsche zämebringe!“

3 Radiologisch

Auch im vergangenen Jahr verstrahlte der Kernreaktor mit dem Projekt РАДИОЛОГИЧНЫЙ (Radiologisch) den Äther. Die Sendung, welche zweimonatlich live auf dem einzigen freien Radio Zürichs, dem Raio LoRa gehalten wird und jede Woche wiederholt wird, durfte im Dezember 2012 sein zweijähriges Jubiläum feiern.

Überblick über die Sendethemen von 2012:

РадиоЛогичный #12 – ÖV-Geflüster

РадиоЛогичный #11 – Kleider

РадиоЛогичный #10 – Öffentlicher Raum

РадиоЛогичный #9 – Palmöl

РадиоЛогичный #8 – Recycling

РадиоЛогичный #7 – RadioLogisch Jubiläumssendung

Es wäre jedoch nicht ein Projekt des Kernreaktors, wenn die Arbeit nicht begleitet worden wäre, von schlaflosen Nächten, Tränen, Lachanfällen, Auseinandersetzungen und Versöhnungen. Doch schlussendlich heisst es all zwei Monate wieder: „Hallo, hier auf 97,5 MhZ bei РАДИОЛОГИЧНЫЙ (Radiologisch) einer Produktion des Vereins Kernreaktor.“

Eine Radiosendung verpasst, was nun? Vielleicht hast du nur den Schluss einer Sendung gehört und möchtest die Sendung an einem schönen Tag in der Badi oder während des Abwasch nachhören. Kein Problem: Alle Sendungen sind in einem Archiv unter https://kernreaktor.ch/category/radio-logisch/ gespeichert und wartet darauf wiedergehört zu werden.

Das Radio-Team: Angela Huser, Miloud Genova, Aline Mähr, Yves Bächtiger, Raphael Labhart, Jessica Tannenbaum und Moritz Mähr.

4 Kernreaktor-Büro

Da die Zwischennutzungsdauer im Gebäude an der Badenerstrasse im Oktober 2012 leider zu Ende ging, mussten dort alle Büros geräumt werden, um einem neuen Bauvorhaben zu weichen. Aber dank dem Projekt Interim konnte der Verein Kernreaktor sein neues Büro (K8) am Kirchenweg 8, 8008 Zürich, im ehemaligen Gebäude der Ausgleichskasse der Schweizer Maschinenindustrie ohne Überbrückung beziehen.

5 Der Verein

5.1 Mission Statement

Nach über vier Jahren hat sich der Kernreaktor an einem kalten und alkoholdurchtränkten Samstagabend an die Herkulesaufgabe gewagt: Die Reformulierung des Mission Statements. Zuerst gab es eine kohlenhydratreiche Verköstigung von Aline, bevor wir dann zur zermürbenden Tat schritten, die bei gezeichneten Vorstandsmitgliedern schon früh bezeichnende Gesichter hervorrief. Dann griffen wir zum heiligen Leuchtmarker und verschönerten die karge Innenarchitektur eines studentischen Sozialbaus.Schlussendlich ist dabei Folgendes herausgekommen:

Kernreaktor reflektiert, reagiert, setzt frei.

Freunde finden zusammen, Diskussionen entbrennen, Köpfe rauchen. Kreativität, Zeitgeist und Gesellschaftskritik verdichten sich zu konkreten Projekten. Für uns, für euch, für alle!

Nochmals zur Erinnerung unser altes, etwas unpersönliches und viel zu weit gefasstes Mission Statement von 2008:

Wir sind ein Verein für soziale, ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit. Ein Behälter für Kultur und Kritik, der sich mit keiner politischen Farbe oder religiösen Gesinnung anstreichen lässt. Ein Raum für gute Ideen und Aktivitäten, die in direktem oder indirektem Zusammenhang mit dem Thema Nachhaltigkeit stehen.

Das beinhaltet eine intensive Auseinandersetzung mit neuen Gesellschafts- und Wirtschaftsformen, dem technologischen Fortschritt und dem Blick auf Tradition und Geschichte. Dabei haben wir weder den Anspruch auf Vollständigkeit, noch wollen wir als moralische Instanz verstanden werden. Darum möchten wir den Diskurs über die Frage, was ein lebenswertes und gutes Leben ist, nicht beantworten, sondern gemeinsam mit euch führen. Politische und ideologische Standpunkte, die in irgendeiner Form mit dem Kernreaktor assoziiert werden, sollen allenfalls als Anregung dienen, den oben genannten Diskurs zu führen. Der Kernreaktor ist unabhängig, sowohl ökonomisch wie politisch!

5.2 Geschichte

Die Idee für den Verein Kernreaktor entstand im Jahr 2007 an der Kernstrasse 50 im Langstrassenquartier. Die Tatsache, dass den drei Studenten Marcel Mathis, Marco Luzzatto und Moritz Mähr jedes Wochenende eine endlose Konsumschlacht bevorstand, der man alternativlos ausgeliefert war, hat sie zum Umdenken bewegt. Wieso kann man Bio Gemüse, Fair Trade Kleider, Ökostrom und klimaneutrale Flugtickets kaufen, aber nicht nachhaltig feiern am Wochenende? Aus diesem Grund haben sie im Raum Zürich verschiedene Benefiz- und Non-Profitpartys veranstaltet und beispielsweise für die Stiftung für Schwerbehinderte Luzern SSBL Geld gesammelt. Im Jahr 2009 ist aus der Idee ein Verein entstanden, der sich nicht mehr ausschliesslich auf nachhaltige Partys fokussiert, sondern als Gefäss für neue Ideen, Projekte und Begegnungsmöglichkeiten versteht, die in einem Zusammenhang mit sozialer, ökologischer und ökonomischer Nachhaltigkeit stehen.

5.3 Der Vorstand

Marcel Mathis (geboren 1986 in Luzern)

Aufgewachsen im luzernischen Hinterland im idyllischen Eschenbach hat er in Zürich ab 2007 eine neue Heimat gefunden. Das Stadtleben veränderte den Naturburschen, doch seine Wurzeln hat er nicht vergessen: Zurzeit arbeitet er an der EAWAG und forscht für die Verbesserung der Trinkwasserqualität. Nebenbei studiert er seit 2011 im Master Biogeochemie und Schadstoffdynamik an der ETH. Der Kernreaktor ist zu einem wichtigen Bestandteil seiner Freizeitgestaltung und Lebenskultur geworden, und deshalb beteiligt er sich mit viel Leidenschaft stets an einer Vielzahl von Projekten.

Miloud Genova (geboren 1987 in Zürich)

Der einzige Zürcher im Vorstand sorgt für rote Köpfe und versöhnliche Umarmungen, wenn sein italienisches Temperament abseits der schweizer Konventionen nach Lösungen sucht. Er studiert Politikwissenschaften und Russisch an der Universität Zürich und ist nicht nur für Radiologitschny in allen Stadtkreisen unterwegs

Angela Huser (geboren 1986 im Aargau)

Pendelte seit 2007 an die Universität Zürich um dort den Kantönligeist auf die Schippe zu nehmen und Wirtschaft zu studieren. Vor einem Jahr und für ein Jahr zog sie dann an die Zürcher Langstrasse um dem Kernreaktor Hauptquartier und seinen Mitgliedern näher zu sein, den Puls der Zeit zu befühlen und dem Strassengeflüster zu lauschen. Dem Verein hat sie nicht nur im Rahmen der Radiosendung Radiologitschny ihre Stimme geliehen, sondern sie macht sich auch gerne bei den Sitzungen mit kreativen und kritischen Beiträgen bemerkbar.

Moritz Mähr (geboren 1987 in St. Gallen)

Geboren und aufgewachsen in St. Gallen zog es Moritz nach der Matura in die kleinste Grossstadt der Welt, wo er seit 2007 studiert. Zuerst Wirtschaft und Philosophie an der Universität Zürich, bis es ihn nach seinem Bachelor an die ETH Zürich verschlug, wo er mit anderen Raketenforscher die Metaphysik ergründet. Nebenbei arbeitet er in der ICT-Branche. Für den Kernreaktor analysiert er seine Umwelt gerne kritisch, gefällt sich in der Rolle des Teufelsadvokaten und kümmert sich um informationstechnische Angelegenheiten.

Aline Mähr (geboren 1989 in St. Gallen)

Aline moderiert gemeinsam mit Miloud das Kernreaktor Sendeformat “Radiologisch” auf Radio Lora 97.5 MHz und mischt bei der Organisation des Nullpunkts und bei den journalistischen Arbeiten des Nullpunkt Magazins mit. Wenn sie nicht für den Kernreaktor durch den Äther strahlt, studiert sie an der Universität Zürich Philosophie und Publizistik und widmet sich ihrem Faible für nordische Sprachen.

5.4 Mitglieder

Sarah Bleuler (geboren 1987)

2008 flüchtete Sarah aus dem Zürcher Unterland zum vermeintlichen Mittelpunkt der Erde in den Chreis Cheib. Wenn sie nicht mit einem Glas Rotwein am Idaplatz sitzt, studiert sie an der ZHAW Journalismus und Organisationskommunikation. Die Talentscouts vom Kernreaktor haben sie mit einem tiefroten Malbec für den Nullpunkt gewinnen können, und jetzt schmeisst sie zusammen mit Miloud den Laden beim Nullpunktmagazin und ist Chief Public Relation Officer!

Ursin Broger (geboren 1986 in Casablanca/MAR)

Nach zwei Jahrzehnten an Atlantik und Bodensee steuerte er 2005 den Zürichsee an und begann dort sein Studium der Islamwissenschaften, Politologie und Sozialgeschichte. Nebenbei arbeitet er im IWB Tiefenbrunnen, einer Wohngemeinschaft für körperbehinderte Menschen und engagiert sich beherzt für die verschiedenen Projekte des Vereins und dessen Ideen, seit Ende 2010 gar als Vorstandsmitglied.

Yves Bächtiger

So verträumt und bedächtig sich der rotbärtige Zürcher auch geben mag, vertraut nicht dem ersten Eindruck! Von feurige Reden bis hin zu gefühlvollen Repliken liegt alles drin. Das Repertoire des Anti-Konventionalisten ist breit gefächert, hie und da auf Radiologisch zu hören und in jeder Sitzung eine willkommene Abwechslung zu den alteingesessenen Kernreaktoren.

Pinar Goeksu

Mit ihrem südländischen Charme steht uns die studierte Islamwissenschaftlerin in fast allen Lebenslagen zur Seite. Ob als militante vegane Köchin oder als Querdenkerin, die mit beiden Füssen auf dem Boden der Tatsachen steht!

5.5 Veränderung im Vorstand

Ursin Broger und Sarah Bleuler treten auf Ende Jahr temporär aus dem Vorstand zurück. Sobald Sie wieder über die nötigen Zeitressourcen verfügen werden wir sie wieder gerne zurück in den Vorstand holen. Der temporäre Ausschluss war nötig, da für die Vorstandsentscheide eine Vier-Fünftel-Mehrheit benötigt wird und daher ist die Anwesenheit an den Vorstandssitzungen sehr wichtig.

5.6 Statuten

Die Statuten sind unter kernreaktor.ch/mission-statement/ einsehbar.

6 Finanzen

Das Vereinsjahr 2012 schlissen wir aus finanzieller Sicht mit einem Minus von 860 CHF ab. Dies kam zu Stande, da wir in diesem Jahr von den sehr preiswerten Büros in der Badi in ein teureres Büro ,K8, gewechselt haben. Zudem war dieses Jahr die Mitgliederbeiträge und Rückvergütungen vom Nullpunkt die einzige Einnahmequelle des Vereins.